Das Orag-Haus am Jakobsplatz

 

 

Einst Arbeitsplatz der tapferen Schneiderlein

 

Einen Hinweis auf den Vorgänger des Orag-Hauses liefert eine Tafel an der Fassade zum Jakobsplatz hin. Hier stand früher ein Badehaus. Weil in Wohnhäusern sanitäre Anlagen fehlten, gingen die Münchner unter anderem in dieses Hahnenbad, auch Gighanbad genannt. Vor allem ärmere Wohnviertel waren früher auf städtische Brause- und Tröpferlbäder angewiesen. Badezeit und warmes Wasser waren beschränkt. Die Bäder trugen

dazu bei, die hygienischen Verhältnisse zu verbessern. Diese Einrichtung

hier darf man sich als mittelalterliches Lust- und Gesellschaftsbad

vorstellen. Mit den Buchstaben an der Fassade hat es nichts zu tun.

Orag steht für „Oberbayerische Rohstoff- und Arbeitsgemeinschaft“.

 

Die Orag entstand aus der Not heraus. Ende des 19. Jahrhunderts

gab es zahlreiche Schneider in München. Als es der Fortschritt

ermöglichte, Kleidung nach bestimmten Größen auf Vorrat zu fertigen,

kamen die Probleme. Einzelhändler kauften Stoffe und ließen sie von

kleineren Schneiderbetrieben im Stücklohn anfertigen. Bezahlt wurde

regelmäßig, aber wenig. Der Kampf um die Existenz war hart.

Den Schneidern drohte der Abstieg zum Fronarbeiter eines Händlers.

Ihre einzige Chance: Sie mussten sich die Gunst der zahlungskräftigen

Kunden erwerben. Nur anfertigen, flicken und ändern reichte nicht aus.

Da mussten schon ganze Kleidungsstücke inklusive Material geliefert werden.

Darum schlossen sich die Betriebe 1881 zum „Teilungsgeschäft Münchner Schneidermeister“ zusammen. Die Orag war geboren.

 

Nun konnten sie auf genossenschaftlicher Basis gemeinsam einkaufen. Die Idee

dieses Erfolgsmodells war nicht neu. Erste Ansätze zum gemeinsamen Wareneinkauf

 im Münchner Schneiderhandwerk gab es bereits zur Zeit von König Max II.

Als Hofschneider hatte Josef Paulus die besten Kontakte. Davon sollten auch andere

profitieren: Paulus ließ die Branchenkollegen an seinen Direktbezügen teilnehmen.

 

Das Geschäft am Jakobsplatz floriert noch immer. Unter dem Namen Orag Bayerische Schneidergenossenschaft betreibt das Unternehmen einen Versandhandel mit Kontakten

zu Schneidergewerben in ganz Deutschland, beliefert Theater und Opernhäuser – und ist

seiner Philosophie treu geblieben: Direkt im Laden gibt es alles, was man zum Schneidern braucht. Wer unter 100000 Reißverschlüssen bestimmte Typen, Längen und Farben sucht,

wird sogar noch persönlich von einer Fachfrau bedient.                                    Corinna Erhard