Die Staatskanzlei  

 

 

Die zugezogenen Maxvorstädter können kaum erahnen, was sich früher über ihren Stadtteil erstreckt hat und was anstelle der Staatskanzlei stand. Nur noch die älteren Einheimischen wissen: Die Maxvorstadt war ein Kasernenviertel. Bis zum Beginn der Weimarer Republik 1919 nahmen Soldatenunterkünfte, Militärwerkstätten und Exerzierplätze weite Teile der Flächen ein.

 

Gemäß einer Volkszählung hat München im Jahr 1824 insgesamt 62290

Einwohner, davon 4667 Soldaten. Dort, wo heute die Staatskanzlei steht,

befindet sich zu dieser Zeit die Hofgartenkaserne. Ein imposanter,

189 Meter langer und vierstöckiger Bau für das Garderegiment des

Bayerischen Herrschers. Für Soldaten ist dort die Unterbringung

kein Vergnügen. Die ungesunde Lage, die vom feuchten Untergrund

herrührt, setzt ihnen zu. Immer wieder sterben Soldaten an Typhus.

Erst als eine Epidemie ausbricht, die 34 Tote im Regiment fordert,

befiehlt Prinzregent Luitpold: Die Hofgartenkaserne muss geräumt werden!

 

Was sollte nun mit dem Areal geschehen? Bayern hatte bei der

Reichsgründung nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 seine

Militärhoheit gewahrt. Jetzt sollte die Militärgeschichte dokumentiert

und damit die Eigenstaatlichkeit Bayerns im jungen Deutschen Reich hervorgehoben werden: mit einem Museum. Nach dem Vorbild des Heeresgeschichtlichen Museums

in Wien entsteht an dieser Stelle ab 1900 das Bayerische Armeemuseum mit Kuppelbau.

Der Untergang des Königreichs Bayern 1918 als Folge des verlorenen Krieges ist der Untergang der bayerischen Armee.  Neue Behörden werden in das Gebäude einquartiert, unter anderem das Landespolizeiamt.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt von dem Komplex nur noch eine Ruine übrig. Allerdings ist der Kuppelbau in seinem Äußeren ziemlich unbeschädigt. Über die

Zukunft des Gebäudes entbrennt nun ein Jahre langer Streit zwischen Staat, Stadt und Bürgerinitiativen. Die Pläne reichen von einer Rekonstruktion bis zu einer völligen Beseitigung. Der Beschluss des Ministerrats 1962, einen Neubau für eine Staatskanzlei zu errichten, bleibt folgenlos. Pläne werden erstellt und wieder fallen gelassen. Unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß wird 1980 der Beschluss des Ministerrats erneut gefasst: Wir bauen einen repräsentativen Neubau für die Staatskanzlei. Allerdings wehren sich Stadt und Bürger gegen einen monströsen Neubau so nah am Hofgarten und der Residenz. Die Fronten scheinen verhärtet. Mit Strauß’ Tod 1988 scheidet einer der Antagonisten – der andere war Oberbürgermeister Georg Kronawitter – aus.

 

Der neue Ministerpräsident Max Streibl gibt 1989 der Presse den gefundenen

Kompromiss bekannt: Der sanierte Kuppelbau darf bleiben, das Bauvolumen wird minimiert. 1993 ist die neue Staatskanzlei bezugsfertig.                         Corinna Erhard